Ist mit dem Stottern zu leben, auch eine Lösung?

Ich bin 18 Jahre alt und Stotterer. Ich war ca. 5 Jahre alt, als es zum ersten Mal aufgetaucht ist. Die Logopädie hat meiner Meinung nach nicht viel genützt.

Es wurde aber deutlich besser, als ich angefangen habe, selber zu mir zu stehen. Ich bin wahnsinnig selbstbewusst und kann jeden ansprechen. Es gibt Zeiten, in denen ich das Stottern ganz vergesse. Ich rede sehr viel und sehr gerne, da ich selber, auf gut Deutsch gesagt, jeden Scheiß mitmache. Alle akzeptieren mich! Du kannst es nicht besiegen, aber mit dem Stottern leben und es so deutlich verbessern: Nicht nachdenken, sondern einfach reden. Ich fühle mich nicht als Opfer. Ich habe echt viele Freund und finde auch ganz leicht neue Freunde.

Was sagt der Fachmann dazu?

Antwort:

Ich glaube, ich weiß ganz genau, was Du meinst.

Viele Therapeuten haben den Anspruch, alle Stotterer „retten“ zu wollen. Das gilt besonders dann, wenn diese eine Patentmethode zur Verfügung zu haben glauben, durch die das angeblich leicht möglich ist. In diesem Konzept erscheint Deine Position „resigniert“, aber ich kann in Deiner Darstellung kein Anzeichen von Resignation erkennen.

Was ich an Deiner Lösung faszinierend finde ist, dass Du das Problem zum Bestandteil Deiner Lösung machst. „Den Gegner in das eigene Angriffsspiel mit einbeziehen“, heißt das im Fußball. So ersparst Du Dir die Ochsentour, die eine ernsthafte Therapie im Normalfall (nicht immer!) darstellt. Dein Weg ist nicht unbedingt der einfachere Weg, weil er sehr viel Entschlusskraft und Mut erfordert.

Und außerdem, der vielgescholtene „Weg des geringsten Widerstandes“ ist ja oft genug sinnvoll. Man spart Kräfte, die man an sinnvolleren Stellen einsetzen kann. Wohl dem, der nicht erst alt werden muss, um zu erkennen, was wichtig ist und was doch letztlich belanglos ist. Insofern hast Du meine volle Zustimmung.

Ich sehe auch nicht ein, warum Dein Weg nicht Teil einer Problemlösung sein sollte, die auch in einer Therapie (auch einer logopädischen Therapie) vermittelt werden kann.

 

Zuletzt aktualisiert am 21.11.2012 von Andreas Starke.

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